Rezension // Welch schöne Tiere wir sind von Lawrence Osborne

„Zähflüssig trifft es tatsächlich. So vergehen die Tage auf Hydra und die Lesestunden mit dem Buch. Fertiglesen wollte ich es trotzdem, da sich mir ständig die Frage aufdrängte: Fliegt der Schwindel auf?“ – Evelyn Unterfrauner, Book Broker

Inhaltsangabe zu Welch schöne Tiere wir sind von Lawrence Osborne

Naomi kommt schon seit ihrer Kindheit auf die „Künstlerinsel“ Hydra, um dort den ganzen Sommer in völliger Langeweile zu verbringen. Diesen Sommer soll es anders sein – sie trifft die Amerikanerin Sam und nimmt sie für sich ein. Gemeinsam verbringen sie die Tage bis sie einen Flüchtling (Faoud) an der Küste entdecken. Naomi beschließt ihm zu helfen, mehr aus Eigennutz als um des Flüchtlings Willen. Sie verhilft ihm sogar dazu in ihrem eigenen Haus einzubrechen, um ihre reichen Eltern zu bestehlen. Sam immer als (teilweise ungewollte) Komplizin an ihrer Seite. Doch der geplante Einbruch läuft gewaltig schief und die Handlung entwickelt sich zu einem Krimi.

Meine Gedanken zum Roman Welch schöne Tiere wir sind

Die Erzählung ist nicht ganz rund, genauso die Figuren sind ausbaufähig. Naomi wird relativ klar und doch sehr mysteriös gezeichnet – sie hat Charakter, doch bei allen anderen Personen bleibt Lawrence Osborne lediglich an der Oberfläche.

„Naomis hintergründige Boshaftigkeit ließ Sam leicht zurückschrecken, doch sie find sich wieder. Ihr wurde bewusst, dass sie nichts über Naomi oder deren Vergangenheit wusste, ganz zu schweigen davon, welcher verschlungene Pfad sie in diesem Moment an diese Stelle geführt hat. Nichts davon war ihr bekannt, eine verborgene Geschichte, die nicht die ihre war und die sie wahrscheinlich falsch ausgelegt hatte.“ (S. 316)

Was den Figuren an Präsenz fehlt, nimmt die Öde der Insel ein. Ein bisschen weniger Insel und ein bisschen mehr der Persönlichkeiten wäre schön gewesen. Das zähe Voranschreiten der Handlung könnte noch als Stilmittel durchgehen, doch ist das Risiko hoch, dass so manche/r LeserIn die erste Hälfte nicht durchhält. Dann tatsächlich wird die Handlung an sich sehr spannend, wenn auch der Wechsel überrascht. Es wird in Teilen absurd und die Frage wird laut: Was will dieser Roman? Er lässt Naomi aus reichem Haus auf Faoud, den Flüchtling treffen, damit sie beide einen Deal eingehen, der gewaltig in die Hose geht. Was Naomi will, wird an manchen Stellen deutlich, doch die Beweggründe für das Handeln von Faoud bleiben uns verborgen. Ich hätte gern mehr über ihn erfahren:

„Außerdem brannte er, wie er sich eingestehen musste, darauf, die Figur des Flüchtlings hinter sich zu lassen und in eine gänzlich neue zu schlüpfen.“ (S. 202)

Von Sam wird ebenso nur ein unscharfes Bild gezeichnet. Sie stammt, wie Naomi auch, aus einem gut situierten Haus und doch teilen sie sich eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrem Leben. Gegen Ende des Romans wird Sam noch etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt, doch wirkt diese Aufmerksamkeit deplatziert. Viel Interessanter ist das Verhältnis zwischen den Freundinnen (zwischenzeitlich wird eine Liebesbeziehung vermutet). Das gelingt dem Roman relativ gut, diese unheilvolle Verbindung von Naomi und Sam zu schaffen und diese konnte mich am Ende an der Stange halten.

„Sie merkte, dass das Mädchen anfing, ihr zu glauben, und dass sie allmählich zusammen in die Umlaufbahn einer unheilvollen Idee eintraten. ‚Du glaubst, es gibt so etwas wie bedingungslose Liebe, aber das gibt es nicht. Es kommt immer auf die Bedingungen an.'“ (S. 108)

Weitere Besprechungen: 

Ist Faoud ein moderner Odysseus und verkörpert Naomi den Nausikaa-Stoff? Warum spielt der Schauplatz Hydra eine wichtige Rolle für Lawrence Osborne? Lest gerne diese Besprechungen, um nochmals einen ganz anderen Blick auf den Roman zu bekommen:

SPIEGEL.de I Bücherkaffee I Welt.de

Welch schöne Tiere wir sind war ein Überraschungsbuch vom @literarischernerd Florian Valerius.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich habe das Buch vor einigen Wochen gelesen. Ich fand es, tja „nett“. Im besten wie im schlechtesten Sinne. Liest sich gut weg, hatte mir aber im Vorfeld mehr Tiefe – egal welcher Art – versprochen. Letztendlich war der heftigste Effekt bei mir dann der, dass ich dachte: Mensch, Urlaub auf einer griechischen Insel, das wär mal was!!!
    Viele Grüße,
    David

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    1. Lieber David, vielen Dank für deinen Kommentar. Dann ging es uns ja relativ ähnlich mit dem Buch. Liebe Grüße, Evelyn

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