Rezension // All das zu verlieren von Leïla Slimani

Verstörende Geschichten sind es, die man von Leïla Slimani liest und doch verspürt man eine gewisse Faszination dafür. „Krank und verdorben“ so hatte ich bereits die Protagonistin (Louisa) aus dem Roman Dann schlaf auch du beschrieben (hier geht’s zur Rezension) – genauso verhält es sich mit der Hauptfigur Adèle in diesem Roman. Die recht kurzweilige Lektüre kann ich allen Literaturfans sehr ans Herz legen.

Inhaltsangabe zu All das zu verlieren von Leïla Slimani

Adèle ist mit einem Arzt verheiratet, hat einen kleinen Sohn und ist Journalistin in Paris, doch scheint all das eher ein Alibi zu sein, um ihr wahres Wesen zu verstecken. Adèle führt ein Doppelleben und hat ständig (verstörenden!) Sex mit wildfremden Männern – ihr Mann Richard ahnt nichts davon. Er verkörpert vielmehr das komplette Gegenteil und ist unfähig den leidenschaftlichen Liebhaber zu spielen, viel mehr denkt er, dass alles was er ihr sonst bietet, reichen würde. Adèles ständige Begleiter sind Zigaretten und ein Klapphandy mit dem sie ihre Liebhaber heimlich anruft. „Sie ist euphorisch, wie Betrüger es sind, die man noch nicht entlarvt hat. Voller Dankbarkeit, geliebt zu werden, und starr vor Angst bei der Vorstellung, all das zu verlieren.“ (Slimani 2019, S. 55) 

Meine Gedanken zum Roman All das zu verlieren

All das zu verlieren hat mich unglaublich mitgerissen, vor allem, da ich mich noch sehr genau an die Lektüre von Madame Bovary erinnern kann. Ich hasste und liebte diesen Klassiker, da die Unzufriedenheit von Emma Bovary förmlich abzufärben schien. Etwas weniger schlimm war es mit Adèle (sie wird von Literaturkritikern als ‚moderne Madame Bovary‘ beschrieben). Parallelen zum Klassiker von Gustave Flaubert sehe ich vor allem in Passagen wie diesen: „Sie braucht Urlaub. Sie ist erschöpft. Es vergeht kein Tag, ohne dass man sie auf ihre Magerkeit, ihr abgespannten Züge, ihr Stimmungsschwankungen anspricht. ‚Die frische Luft wird dir guttun.‘ Als ob die Luft in Paris weniger frisch wäre als anderswo.“ (Slimani 2019, 69)

Der erste Teil des Romans schildert hauptsächlich die skurrilen Abenteuer der Protagonistin und gipfelt in Szenen wie diesen: „Ihre Vagina ist nichts als ein Stück zerbrochenes Glas, ein Labyrinth aus roten Streifen und Rissen. […] Sie hat es so gewollt. […] Fünfmal, vielleicht zehn, hat er ausgeholt und sein spitzes knochiges Knie auf ihre Scheide krachen lassen.“ (Slimani 2019, S. 122) Es ist unmöglich die Persönlichkeit von Adèle zu ergründen und auch die ihres Ehemannes scheint kompliziert und durch gesellschaftliche Zwänge geprägt. All das zu verlieren überzeugt durch die Sprache, die komplexen Figuren im Zwist mit sich selbst und die unerklärliche Faszination, die die Erzählung auslöst.

Weitere Besprechungen zum Roman:

FAZ I Literat(o)ur I Bücherkaffee I SRF

Der Roman wurde mir als Leseexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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