Rezension // Das Leben wartet nicht von Marco Balzano

Dieser Roman überzeugt durch seine Einfachheit. Er greift ein Thema auf, das in unserer Gesellschaft heute ein absolutes Tabuthema wäre, jedoch in Italien Ende der 1960er, Anfang 1970er Jahre nichts Ungewöhnliches war: Kinderemigration verbunden mit Kinderarbeit. Das Leben wartet nicht ist am 22. Februar 2017 in einer ausgezeichneten Übersetzung von Maja Pflug erschienen und vermittelt mit einfachen Worten weshalb sich die Erde immer weiter dreht.

Inhaltsangabe zu Das Leben wartet nicht von Marco Balzano

Ninetto ist in San Cono (Sizilien) aufgewachsen und führte mit seiner Familie ein bescheidenes Leben im Süden Italiens. Er hegte eine besonderes Verhältnis zu seinem Lehrer Vincenzo, vor allem, da Sie die Passion zur Lyrik teilten. Giovanni Pascoli und Giacomo Leopardi waren Vorbilder des kleinen Jungen, der selbst einmal Dichter werden wollte. Doch kam es anders: Ninetto, oder auch „Pelleossa“ (zu dt. „Haut und Knochen“), verlässt sein Heimatdorf und geht mit seinem Bekannten Giuvà nach Mailand, um dort eine Arbeit zu finden. Auf die Frage wie man Arbeit finde, wusste Giuvà folgende Antwort: „Ach, Kleiner, das ist doch ganz einfach! Du gehst in ein Geschäft, sagst, ist es gestattet und guten Tag, und dann fragst du, ob sie jemand brauchen. Wenn du einen Hut aufhast, musst du ihn abnehmen, vergiss das nicht, aber ohne deine Haare zu zerraufen!“ Zu diesem Zeitpunkt war der Junge neun Jahre alt und fand schon am ersten Tag in Mailand einen Job als Fahrradbote einer Wäscherei. Sechs Jahre später heiratete er ein Mädchen im selben Alter, das ihm ein ganzes Leben lang treu bleiben wird. Sie bleibt bei Ninetto, obwohl er im Gefängnis landet, für zehn Jahre.

Meine Gedanken zum Roman

Mit neun Jahren „auswandern“? Mit neun Jahren arbeiten? Mit neun Jahren (fast) alleine in einer Großstadt wie Mailand zurechtkommen? Heute wäre dies unvorstellbar, doch vor nur 60 Jahren war dieses Phänomen gar nicht so ungewöhnlich. Der junge Ninetto, den Marco Balzano in seinem Roman zeichnet, ist fröhlich, einfach gestrickt und unerschrocken. Gleichtzeitig erfahren wir als LeserInnen wie der 60-jährige Ninetto auf sein Leben wehmütig zurückblicken wird. Das Leben wartet nicht ist durchaus von Tristesse geprägt, doch kann der Protagonist trotzdem durch seine Sympathie punkten. Besonders schön fand ich die Verweise auf die italienischen Poeten Pascoli und Leopardi. Unter den erwähnten Gedichtn befindet sich zum Beispiel Alla Luna.

Auch interessant ist, mit welchen Veränderungen Ninetto konfrontiert wird, sobald er das Gefängnis nach zehn Jahren verlässt. Plötzlich reicht ein freundlicher Gruß begleitet vom Heben des Hutes nicht mehr aus, um einen Job zu bekommen, dafür ist mittlerweile ein europäisches Curriculum vonnöten. Die Schilderungen, wie er seinen Europass erstmals versucht auszufüllen sind dabei richtig komisch.

Zum Autor Marco Balzano

Das Leben wartet nicht ist der dritte Roman von Marco Balzano. Er lebt in Mailand und arbeitet als Lehrer und Schriftsteller. 2015 hat er den Premio Campiello 2015 gewonnen. In seinem Nachwort berichtet er von seinen Recherchen zu dem Buch und den Gesprächen mit über einen Dutzend Menschen, die in der Zeit zwischen 1959 und 1962 als Kinder ihre Heimat verließen und im Norden oft ganz auf sich allein gestellt waren. Die Erzählung soll diesen Menschen eine Stimme geben.

Hier geht’s zum Buch.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Pialalama sagt:

    Hallo 🙂

    Ich habe dich für den Versatile-Blogger-Award nominiert!
    https://pialalama.wordpress.com/2017/02/26/versatile-blogger-award/

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s