Rezension // bleiben von Judith W. Taschler

Was bleibt von uns? Lohnt es sich zu Bleiben? Was wäre, wenn wir geblieben wären? Fragen über Fragen wirft der Roman bleiben von Judith W. Taschler auf. Es wird eine breite Palette an Themen bespielt, so befasst sich der Roman mit der Religion, der Option in Südtirol, mit elterlichen Erwartungshaltungen gegenüber ihren Kindern, wie auch Kindertraumata, die einem ein Leben lang „bleiben“.

Das Leitzitat des Romans, könnte meiner Meinung nach Folgendes von Juliane sein:

„Irgendwie hängt alles zusammen in unserem Leben. Es ist wie ein Spinnennetz, in dem wir gefangen sind. Wir tun, was wir tun, weil unsere Vergangenheit geschehen ist, wie sie geschehen ist. Ein Kreislauf. Oder eben ein Spinnennetz.“ (Taschler 2016, S. 22)

Inhaltsangabe zu bleiben von Judith W. Taschler

Der Roman wird aus der Perspektive von vier Personen erzählt: Juliane, Max, Paul und Felix. Dabei erzählen die Protagonisten ihre persönliche Geschichte einem Gegenüber, das den ganzen Roman hinweg unbekannt bleibt. Es erweckt den Eindruck, als wäre der Lesende das Gegenüber, der die gesamte Erzählung samt Details erfährt. Die vier Personen haben sich vor 20 Jahren im Zug nach Rom kennengelernt. Paul und Juliane hatten unmittelbar nach der Reise zueinandergefunden und geheiratet, Felix und Max hatten sich in Wien gemeinsam in einer Studentenwohnung eingemietet. Heute ist Felix Fotograf, Max Bauer ein Name in der Kunstbranche, Paul Dahlmann ein wohlhabender Anwalt und Juliane ist die (zweite) Cellospielerin und unterrichtet drei Mal wöchentlich in der Musikschule.

Juliane hatte in ihrer Kindheit ein schreckliches Trauma erfahren von dem sie sich kaum loslösen konnte bis Paul Ordnung in ihr Leben brachte. Felix, der Südtiroler, hat seine Mutter früh verloren und entschied sich schweren Herzens doch für ein Leben in Wien. Max Bauer wäre fast auf einer Parkbank geboren und kam im Alter von drei Jahren ins Heim, machte die Kochlehre und schaffte später den Sprung zum Berufskünstler. Paul hat eine wilde Ehe bereits hinter sich und hat sich als Anwalt auf Scheidungen spezialisiert. Obwohl alle vier nach der Zugfahrt nach Rom kaum Kontakt hatten, begann an diesem Punkt ihre gemeinsame, schicksalhafte Geschichte, dessen gravierenden Auswirkungen sich erst 20 Jahre später zeigten: Juliane beginnt eine aufregende Affäre mit Felix, den sie per Zufall in einer Kunstausstellung von Max Bauer trifft… und Paul? Er legt ein ganz besonderes Schuldgeständnis ab.

Meine Gedanken zum Roman

Der Perspektivenwechsel ist zu Beginn des Romans etwas mühsam, da man die Personen kaum auseinanderhalten kann und Verwechslungen passieren. Mit der Zeit erfahren wir mehr und mehr von den Protagonisten und können das Puzzle zusammenfügen. Ich war über die ausführlichen Schilderungen von Felix zur Option in Südtirol (1939-1943) überrascht, wobei das Ereignis thematisch gut zum Roman passt. Die geschichtlichen Details kennt man als Südtirolerin sehr gut, denn die Bevölkerung musste sich damals entscheiden ob sie ins Dritte Reich auswandert mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, oder ob sie dableibt und sich der Italianisierung aussetzt.

Der Roman hat mich stellenweise an Untreue von Paulo Coelho erinnert, da Juliane zwar fremdgeht, doch weiterhin mit ihrem Mann Paul zusammenbleibt. Sie liebt (wie Linda in Untreue) die Aufregung und den Nervenkitzel, die das Verhältnis mit sich bringt. Aber einen Grund zur Trennung scheint es für Juliane nicht zu geben, sie liebt Paul. Ich halte den Roman für sehr tiefgründig und ehrlich. Gerade zum Ende hin gibt es einige „Aha-Momente“, die mich beeindruckt haben. Der Erzählstil ist sehr persönlich und passt zum Inhalt. Bleiben regt zum Nachdenken an und wirft moralische Konflikte auf, zeigt aber auch, dass das Leben und die Welt schön sind und es sich zu bleiben lohnt. Ein paar Geheimnisse bewahrt sich die Erzählung auf, die den Leser ganz schön neugierig machen.

Zur Autorin Judith W. Taschler

Judith W. Taschler ist in Linz (A) geboren und mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Sie hat in Innsbruck Germanistik und Geschichte studiert, unterrichtete einige Jahre als Deutschlehrerin, lebt heute mit ihrem Mann und drei Kindern dort und ist seit 2012 freischaffende Autorin.

Mehr zur Autorin unter: www.jwtaschler.at

Ein Zitat vom Max möchte ich euch noch zum Abschluss mitgeben:

„Zu mir sagte er einmal: ‚Alle wollen sie den Sinn des Lebens ergründen. Meine Güte. Den Sinn des Lebens. Rennen angestrengt herum und schauen nicht nach links und rechts. Sehen nicht wie schön die Welt und das Leben ist. Der Sinn des Lebens besteht darin, dass man erkennt, wie schön es ist. Aber darauf kommt niemand.'“ (Taschler 2016, S. 173)

Der Roman wurde mir freudlicherweise als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

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