Denke nicht an das tote Fredchen – Thomas Glavinics Lesung aus Der Jonas-Komplex

Am Dienstagabend gastierte der österreichische Autor Thomas Glavinic in der Wagner’schen Buchhandlung in Innsbruck. Anlass war der Anfang März erschienene Roman Der Jonas-Komplex, den es vorzustellen galt. Glavinic ist in Innsbruck nicht ganz unbekannt, vor allem, da sein Roman Der Kameramörder der allererste „Innsbruck liest – Roman“ war.

Christine Lötscher, eine Schweizer Journalistin, umrahmte die Lesung mit einer kurzen Einführung und einem Jonas-Komplex-ABC, also vielen Schlagwörter, die auf die Komplexität der Handlung hinweisen, begonnen bei A wie Abenteuer bis zu Z für Zombies. Sie stellte die zwei oder drei Protagonisten des Buches kurz vor, wobei sie sich nicht sicher war ob es diese dritte Person wirklich gibt, doch erklärte sie überzeugt, dass der eigentliche Hauptdarsteller des Buches die Zeit selbst war. Die Geschichte erstreckt sich nämlich genau über ein Jahr, allerdings für alle Protagonisten in einer anderen Zeit: mal taucht der Lesende in die Achtziger ein, mal in das Jahr 2015. An aktuellen Bezügen fehlt es dem Roman auch nicht, die Griechenland- und die Flüchtlingskrise werden ebenso erwähnt.

In der Geschichte haben wir einen 13-jährigen Schachspieler, einen Wiener Schriftsteller mit einem Alkohol- und Drogenproblem und einen Jonas! Ein schwerreicher Typ, der sich von seinem Anwalt in betäubten Zustand irgendwo auf der Welt verstecken lässt, um dann wieder zurückzufinden. DAS IST DOCH GENIAL! Die drei Personen sind alle auf der Suche nach etwas, nach Antworten auf Fragen wie Wer will ich sein? Und habe ich den Mut, die richtigen Entscheidungen dafür zu treffen? Die Sprache, so beschreibt sie Lötscher, sei wild und klar, man rieche förmlich das Sattelleder. Während der Lektüre gerate man in einen Leserausch, da man ständig nach Verbindungen sucht. Nach Verbindungen zu früheren Romanen, nach Verbindungen zwischen den Männern, nach Verbindungen zwischen Realität und Fiktion – es offenbaren sich mythisch aufgeladene Welten. Doch wie die Journalistin anmerkte, schenken Musiker Freunde und ein Schriftsteller eben nur Verwirrung.

Die Lesung amüsierte die Anwesenden nach der ersten Minute: ein Facebook-Post im betrunkenen Zustand, die Gedanken an ein totes Fredchen während dem Sex oder das Aufwachen als Freiheitsstatue in Jemen waren Momente, die das Publikum zum Lachen brachten. Doch mit Jonas-Komplex ist eigentlich etwas Ernstes gemeint, nämlich die Tatsache, dass man immer nur die Gefahr sieht und nicht die Chance. Kurz: Die Angst vor der eigenen Größe. Glavinic beschrieb den Komplex auch als Alltagskomplex und verwies auf die Klingonen bei Star Trek, die ebenso der Meinung sind, dass derjenige der Größte ist, der die eigene Furcht besiegt – und Glavinics Romanfiguren sind allesamt mutig!

Den Autor, den ich bei dieser Lesung kennengelernt habe, ist frech, schlagfertig und witzig!  Er schreibt seine Texte an der Schreibmaschine, die Achziger Jahre waren für ihr die Hölle, er war erst einmal in seinem Leben in einer Disco und er verteidigt alle, die an UFOs glauben. Skurril und interessant!

Hier geht’s zum Buch.

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