Rezension // Kaschmirgefühl von Bernhard Aichner

Wenn vom österreichischen Star-Autor (und das meine ich nicht ironisch) ein neues Buch erscheint, geht ein Raunen durch ganz Tirol und alle sind ganz aufgeregt. Bernhard Aichner trägt auch seinen Teil dazu bei, wenn er schon Wochen im Voraus auf seinen Social Media Kanälen auf seine charmant-witzige Art und Weise mit uns auf den großen Tag hinfiebert. Eines hat er rasch erkannt: Community ist alles (!) und das was er ihr gibt, bekommt er um ein Vielfaches zurück. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Kaschmirgefühl bereits ein Bestseller in Österreich ist – ich gönne es ihm und dem Verlag vom Herzen. Ich habe das Buch auch mit Aufregung gelesen, die 188 Seiten in nur einem Tag gelesen. Doch so richtig überzeugen konnte mich der Dialog nicht, er erinnert viel mehr an ein Buch, welches ich vor drei Jahren gelesen habe. Noch dürft ihr raten.

Inhaltsangabe zu Kaschmirgefühl von Bernhard Aichner

Der Klappentext bringt es auf den Punkt: „Zwei Menschen verlieben sich ineinander und wir sind live dabei.“ Wir wissen also bereits wie die Geschichte ausgehen soll, doch beginnt der kleine Roman über die Liebe mit einem missglückten Telefonsex-Versuch. Joe (eigentlich Gottlieb) ruft an, will aber keinen Telefonsex, sondern einfach nur reden. So beginnt eine wirre Nacht zwischen ihm und Yvonne (eigentlich Marie), die pünktlich zur Primetime um 20:15 Uhr beginnt und erst frühmorgens gegen 6 Uhr aufhört. Wirr ist die Nacht vor allem deshalb, da sich die beiden Gesprächspartner permanent anlügen und die wildesten Geschichten erzählen. Fast wäre eine gestorben – ein bisschen was vom „Thriller-Aichner“ ist dann doch mit dabei.

– Bist du ein Serienmörder, oder was?
– Nicht ganz.
– Was dann?
– Ich habe im Hospiz gearbeitet. Ich habe so viele Menschen verenden sehen, dass mir schlecht wird, wenn ich daran denke. Da war überall nur Tod. Leid und Tränen. Irgendwann waren die Betten leer, in denen sie gelegen sind. Egal wie sehr ich mich bemüht habe, sie am Leben zu halten. Sie sind gestorben.
(Aichner 2019, S. 63)

Meine Gedanken zum Roman Kaschmirgefühl

Wenn Bernhard Aichner eines wirklich gut kann, dann seinem Stil treu zu bleiben. Sein Schreibstil würde man wohl auch noch unter einem Pseudonym erkennen: kurz, abgehakt, rasant und ein bisschen vulgär. Richtig romantisch wird es in meinen Augen allerdings nicht, melodramatisch trifft es eher. Viel spannender ist die Frage, die sich wohl jedem beim Lesen stellt: Was hätten wir mit dem Lottoschein gemacht?

– Ich glaube nicht, dass Unmengen an Geld die Menschen glücklich macht, dass es etwas im Leben dieser Frau geändert hätte, wenn sie plötzlich Millionärin geworden wäre. Ein trauriger Mensch bleibt ein trauriger Mensch. Auch wenn er reich ist.
(Aichner 2019, S. 84)

Gottlieb findet in seiner Phantasie einen Lottoschein in einem Venedig-Reiseführer und gewinnt! Mit dieser Story konnte mich Aichner tatsächlich fesseln, doch wird die wilde Verfolgsungsjagd, die Gottlieb startet, um den Lottoschein an die rechtmäßige Besitzerin zurückzugeben, im weiteren Verlauf recht abstrus, inkl. (wohl absichtlich eingebauter) Fehler in der Erzählung (Ja, ich habe ihn bemerkt – vielleicht sind es auch mehr). Im Grunde könnte man sagen, dass Kaschmirgefühl ein Abklatsch von Gut gegen Nordwind ist, dem bekannten E-Mail Roman von Daniel Glattauer (hier geht’s zur Rezension) und ich denke, dass ich auch bei dieser Meinung bleiben werde. Kaschmirgefühl – den Namen finde ich auch nicht sehr passend für den Roman – hat mich also nicht in allen Punkten überzeugt. Es war eine nette Lektüre.

Weitere Besprechungen zum Roman:

tt.com I Zwischen den Zeilen I Zeit für neue Genres

 

 

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